Mein Hund ist nicht normal

Es dauert sehr lange, bis man als Hundebesitzer einen solchen Satz öffentlich ausspricht oder gar ins Internet schreibt: Mein Hund ist nicht normal, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Wohl gemerkt: Es geht nicht um diejenigen, die glauben ein Husky sei ein Plüschtier oder ein Malinois mit sonntäglichen Spaziergängen zufrieden. Es geht um diese Hunde, bei denen alles, was du gelernt hast und bereit bist dazuzulernen nicht ausreicht, um einen netten, fröhlichen und umweltsicheren Hund aus deinem Familienmitglied zu machen.

Deshalb haben Menschen, die das zugeben, meinen tiefsten Respekt. Nicht, weil sie mir leid tun oder ich ihnen ein teures Training verkaufen könnte. Sondern weil ich es selbst durchlebt habe bis zu diesem Punkt hier, zu diesem Blogbeitrag.

Ich habe mir diesen Hund nicht etwa angeschafft weil ich dachte „Hey, ein Hund der meine Lebensplanung ebenso zerfetzt wie meine neue Matratze, mit dem ich nur und nur Stress habe weil ich ständig schauen muss, ob uns nicht doch jemand zu nah kommt und das große schwarze Tier seine herrlichen Zähne einsetzt – da habe ich jetzt echt Bock drauf!“

Es war auch nicht die Überheblichkeit „Ey, ich bin Hundetrainerin – was soll da bei einem Welpen schon schiefgehen?“

Ehr war es die naive Einstellung „Ey, ich bin Hundetrainerin – was soll da bei einem Welpen schon schiefgehen?“

Ich hatte gute Erfahrungen mit eigenen Hunden, auch aus dem Tierschutz, gemacht. Ich war erfolgreiche Hundesportlerin und hatte einen geprüften, einsatzfähigen Rettungshund ausgebildet. Und da ich wieder einen Border Collie oder Border Collie Mix haben und gleichzeitig einem Tierschutzhund eine Chance geben wollte kam dieser angeblich im Sauerland beschlagnahmte Wurf Border Collie-Mixe mir gerade recht. Einer dieser 8 Babys sollte mein neuer Rettungshund werden.

Als ich Finn zu mir holte hatte ich mit Chap einen knapp 6-jährigen, voll einsatzfähigen Rettungshund, mit dem ich auch hundesportlich  auf einem guten Weg war: Unsere erste Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft für Rettungshunde hatten wir mit einer guten Platzierung abgeschlossen. Zudem hatte ich einen Job, in dem ich zeitlich flexibel arbeiten konnte und meine ganze Freizeit drehte sich nahezu ausschließlich um Rettungshundearbeit und Hundesport. 

Fantastische Aussichten, um dem kleinen Welpen eine tolle Zukunft mit hundgerechter Beschäftigung bieten zu können.

Aber dieser Welpe war anders als alle Fachbücher, Seminare und Erfahrungen mich bis dahin gelehrt hatten. Er hatte panische Angst vor allem und jedem, das er nicht kannte, reagierte mit Angriffsdrohung auf alle Menschen die ihm zu nah kamen. Da war nichts von einem offenen verspielten Hundekind, das neugierig und unbedarft die Welt erobert. Da ich ihn als Welpe bei seiner Pflegestelle während der Prägephase mehrmals besucht habe und er mich dadurch kannte war mir das nicht aufgefallen – er hat mir von Anfang an vertraut. Und noch immer glaubte ich, dass das generelle Misstrauen verschwinden würde, wenn er nur genug positive Erfahrungen machen würde.

Als Finn 1 Jahr alt war, brach unsere heile Hundewelt komplett zusammen: Chap erlitt einen Bandscheibenvorfall, der operiert wurde. Außerdem infizierte er sich mit Borreliose und Anaplasmose – mein Top Hund war mit 6 Jahren raus. Seitdem ist er Frührentner und kann trotz aller Behandlungen kaum mehr als 2 Kilometer am Stück spazieren gehen. Seit 5 Jahren. Finn sollte sein Ersatz werden und eine Zeitlang haben wir im Training, auch mit Unterstützung anderer Trainerkollegen, versucht, ihm die Arbeit mit Menschen schmackhaft zu machen. Vergeblich. Auf der anderen Seite glänzte der kleine Streber bei allen Aufgaben, die wir uns erarbeiteten – sofern nicht Fremdes dazwischen kam.

Und da Chaps frühzeitiges Aus nicht genug war, kamen zeitgleich Kündigung, Corona und ein neuer Job mit viel weniger Geld und strikten Arbeitszeiten hinzu. Uns blieb also nur Spazierengehen. Mit einem Hund, dem nur Spazierengehen natürlich niemals ausreicht. Spazierengehen mit einem Hund, der keine Menschen leiden kann, alles Fremde als Feind betrachtet und dazu – entgegen der Angaben der Tierschützer – eben doch mindestens zur Hälfte ein spanischer Straßenhund mit allen damit verbundenen Überlebensfähigkeiten wie grenzenlosem Misstrauen ist. Plus einer Größe und einem Gewicht von 2 Border Collies.

Die vergangenen Jahre mit Finn waren hart, mein ganzes Leben richtet sich nach diesem Hund. Niemand kann ihn leiden, niemand will ihn haben, niemand traut sich zu mit ihm Gassi zu gehen. Niemand kommt uns freiwillig besuchen – weil Finn ausrastet. 

Und ganz ehrlich: Das sieht nicht nur richtig gefährlich aus, ich bin sicher, er würde in Selbstverteidigung auch ernsthaft zubeißen. Hat er übrigens bis heute noch nie. Aber das erfordert eine ständige Wachsamkeit meinerseits. Und einen stabilen Maulkorb. Da Chap Vollinvalide ist, kann ich auch nicht einfach mal für eine große Wanderung irgendwohin fahren. Chap leidet nicht wirklich still vor sich hin, wenn ich länger unterwegs bin. Er nervt die Nachbarn mit seinem Protestgebell, wenn ihm langweilig ist.

Jeder und jede, die es bis hierhin mit ihrem Hund geschafft hat: Du kennst diese Gedanken an Aufgeben, Abgeben, Aussetzen. Du kennst die Wut, die Tränen, die Verzweiflung, den Selbstzweifel. Daraus entstanden ist die Einsicht: 

Ja, mein Hund ist ein Arsch. Aber dieses Misstrauen gegenüber allem Fremdem ist sein Wesen, er kann nichts dafür und er hat es sich nicht ausgesucht.

Nachdem ich das für mich akzeptiert habe, hat sich meine Einstellung gegenüber diesem Hund geändert. Er ist ein fantastischer Dummy-Sucher. Er beherrscht zahlreiche Hundesportkommandos perfekt und kann ganze Lektionen auf dem vertrauten Hundeplatz vorführen. Und mit Maulkorb zur Sicherheit für andere Menschen und nervige Kleinsthunde können wir auch gemeinsam entspannt wandern gehen. Er hyperreagiert nur noch sehr selten, oft bin ich selbst überrascht wie gelassen er Situationen meistert, die noch vor 2 Jahren undenkbar waren.

Warum ich das hier so ausführlich schreibe? Weil ich denke, dass du die ganze Wahrheit hinter meinen schönen Postings bei Instagram und Co kennen darfst. Dass dein Hund sich nicht mit allgemeinen Trainingstipps und fleißigem Üben völlig ändert. Dass die Arbeit mit einem speziellen Hund bei dir beginnt, damit, deinen Hund so anzunehmen wie er ist. Und dass es sich lohnt, den eigenen Hund niemals aufzugeben. Finn und ich haben so viele schöne Momente, so viel mehr als die unschönen wenigen Minuten, die sich immer in den Vordergrund drängen wollen.

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