Aufs Problem reduziert

Zugegeben, wenn du mit deinem Hund ein Problem hast, dann kreisen deine Gedanken ständig darum. Das ist verständlich, reduziert aber oft den Hund auf das Problem.

Gerade erst habe ich auf Facebook wieder in einer Tierschutz-Vermittlungsanzeige einen ellenlangen Text über einen  aus meiner Sicht ganz normalen Altdeutschen Hütehund gelesen. In all den langen Ausführungen über sein Verhalten im Alltag kein Wort über Ursprung und Zweck der Rasse, die Kriterien nach denen diese Hunde über Jahrhunderte selektiert und gezüchtet wurden und schon gar nicht darüber, ob und was jemals mit diesem „Problemhund“ gearbeitet wurde. Und auch nicht, welche positiven Eigenschaften er hat. Oder gar, ob er auf Hüteeignung getestet wurde.

„Nur in hundeerfahrene Hände“. Ja, welche Erfahrung denn bitte? Jemand der seit 30 Jahren gemütlich mit „braven“ (langweiligen 😊) Hunden spazieren geht? Jemand, der Schutzhunde ausbildet? Jemand der Agility Weltmeister ist? Oder jemand, der auch schonmal einen Hütehund hatte, der ganz brav war (und wegen null Bock auf Arbeit vom Schäfer abgegeben wurde)? Der Hund wartet nun mit Maulkorb auf den richtigen Menschen, der ihn versteht.

Mein Leben lang habe ich schon mit Hütehunden zu tun und mir ist tatsächlich noch keiner begegnet, der einfach so ohne jegliche Auslastung als braver Familienhund nebenher getaugt hätte. Dabei brauchen auch Hütehunde keine ganztägige Dauerbeschäftigung und auch nicht zwingend was zum Hüten. Aber Abwechslung und eine Aufgabe, die den Talenten des Hundes entspricht, sollte man einem Hund, der fürs Arbeiten gezüchtet wurde, schon anbieten. Manche, bei denen der Hüteinstinkt extrem stark ist, sollten aber Hüten dürfen. Ich kenne Leute, die über ihren als Familienhund angeschafften Hütehund heute zu begeisterten Schafhaltern geworden sind.

Es sind aber auch nicht alle Hütehunde zum Hüten geeignet. Meine Bessy zum Beispiel, Altdeutscher Fuchs, hatte mehr Interesse am Jagen, Fangen und Fressen als am Hüten. Die zum Hüten untauglichen Hunde waren schon immer die, die vom Bauern an Familien abgegeben wurden. Sie hatten so ihre Marotten, aber das war in früheren Zeiten einfach auch normales Hundeverhalten. Leider gibt es den Trend in der Rassehundezucht, einstigen Gebrauchshunderassen jede Lust aufs Arbeiten weg zu züchten. Das finde ich schade, aber was der Kunde will…

Heute wird ein Hund schon als problematisch eingestuft, wenn er jagdliches Interesse zeigt, wenn ein Rüde einen anderen zum Duell auffordert oder ein Hund aufdringliche Fremdhunde oder Menschen mehr oder weniger dezent auffordert Abstand zu halten.

In unserer Gesellschaft hat sich ein Bild vom Hund festgesetzt, der mit allem und jedem verträglich ist, sich von jedem anfassen lässt, der vor nichts Angst hat, alles mitmacht und schweigend alleine Zuhause wartet ohne etwas zu zerstören, wenn wir nicht da sind.

Erfüllt der Hund eins dieser Kriterien nicht, sucht man sofort nach einer Ursache, einem Schuldigen (Genetik haben viele gar nicht auf dem Schirm), vor allem aber nach einer schnellen „Behandlungsmethode“. Schließlich ist ja immer der Hundebesitzer schuld, wenn der Hund nicht wie erwartet funktioniert, das macht Druck. Im besten Fall sucht man bei einem Hundetrainer, im schlechtesten Fall auf Social Media nach einer möglichst schnellen und einfachen Lösung des Problems.

Unerwünschtes Verhalten

In nahezu allen Fällen nenne ich es nicht gerne Problem, vielmehr unerwünschtes Verhalten. Ob dies nun normales Hundeverhalten ist oder tatsächlich schon auffällig lässt sich nicht alleine durch die Schilderung des Besitzers klären. Hierfür nehme ich mir immer viel Zeit, Hund und Mensch gemeinsam zu beobachten.

Und wisst Ihr, was mir dabei immer auffällt: Das ist ein toller Hund! Der kann ganz viele Dinge und tut sehr viele Dinge vorbildlich. Aber leider werden all diese Sachen oft gar nicht richtig beachtet. Weil sie eben keine Probleme, keinen Ärger und kein schlechtes Gewissen machen. Normal eben – nicht der Rede wert.

Und da genau fängt das Training an, egal wie das Problem heißt:

Schau dir an, was du für einen tollen Hund an deiner Seite hast!

Achte mal ganz bewusst darauf, welche schönen Momente du mit deinem Hund hast. Er sieht super süß aus wenn er schläft? Na, das ist doch schonmal ein Anfang. Denk dann nicht „Gleich wacht er auf und regt mich wieder auf“, sondern „Der sieht so süß aus wie er da liegt und zufrieden schläft.“

Natürlich fällt das erstmal schwer. Das weiß ich nur zu gut. Wenn du einen Hund hast wie meinen Finn, der keinerlei Kontakt zu anderen Menschen will, der sich über herabfallende Blätter und herumstehende Mülltonnen in Panik steigern kann, der draußen einen Maulkorb trägt, damit nichts passieren kann, falls ich auch nur eine Sekunde unaufmerksam bin, dann weißt du, wovon ich rede.

Auf der anderen Seite ist dieser Hund immer da, wenn es mir mal schlecht geht. Vor allem aber ist er so unendlich begeistert bei der Sache, wenn wir zusammen irgendetwas unternehmen. Auf dem Hundeplatz macht es so viel Spaß, mit ihm zu arbeiten, weil er immer nur gefallen will und so viele Sachen richtig gut kann. Und wenn ich fürs Hundetraining ein Foto oder ein Video brauche um etwas zu zeigen – Finn kann das! Er ist mein wichtigster Mitarbeiter, wenn es darum geht Online-Angebote zu gestalten. Wer mir auf Social Media folgt weiß, was für ein toller Hund Finn ist und was er alles kann.

Und wenn er 10 Minuten am Tag meine Kraft, meine Nerven und meine Geduld bis aufs äußerste herausfordert – 23 Stunden und 50 Minuten am Tag ist Finn ein toller Hund.

Und weißt du was? Dein Hund auch! Nimm dir einfach mal eine Minute Zeit und überlege, in welchen Situationen dein Hund genau der Hund ist, den du dir wünscht. Und das andere, das kriegt ihr auch in den Griff. Und hör nicht auf andere, nicht jeder Hund muss perfekt in allem sein – ich bin es auch nicht, warum sollte ich es dann von meinem Hund verlangen?

Ein schwarzer Hund springt über ein Hindernis auf einer grünen Wiese unter blauem Himmel.
Finn, der Alleskönner

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