Wandern mit einem reaktiven Hund

Grundsätzlich bietet Wandern die optimale Beschäftigung für dich und deinen Hund: Es fördert die Bindung, wenn man gemeinsam auf Entdeckungstour geht. Wandern ist gut für die Gesundheit von Mensch und Hund, stärkt die Kondition, senkt den Blutdruck und trainiert den gesamten Bewegungsapparat. Und es tut der Seele gut: Bewegung wirkt stressreduzierend und ist wie ein Blitzableiter, wenn du oder dein Hund euch mal wieder aufregt habt.

Ich wandere gerne, lebe mitten im Wanderparadies Siegerland/Sauerland/Westerwald und habe mit meinen und mit geliehenen Hunden von Kind an die Wälder meiner Heimat durchstreift. Meinen täglichen Urlaub vor der Haustür nenne ich es. Das ist auch heute, mit über 60 Jahren, noch so.

Wandern mit Hund: Mit wenigen Vorbereitungen der perfekte Sport

Wandern mit Hund ist einfach: Gutes Schuhwerk, ein Rucksack, dein Hund und auf geht’s. Du kannst direkt vor deiner Haustür starten, mit Bus oder Regionalbahn ein Stück raus fahren oder einen Wanderparkplatz aufsuchen und von dort starten.

Wandern mit Finn ist nicht ganz so einfach. Finn ist einer jener Hunde, die aus falsch verstandener Tierliebe ohne Rücksicht auf Genetik entstanden sind. Finn ist das Produkt einer unsicheren Straßenhündin aus dem Auslandtierschutz und einem Sauerländer Border Collie. Geerbt hat er von seiner Mutter beste Straßenhund-Eigenschaften: pures Misstrauen gegenüber allem Unbekannten.

In Deutschland ist es leider wenig hilfreich für einen Hund, tief verwurzeltes Misstrauen und Angst gegenüber allem Unbekannten zu haben. Und mit Allem meine ich: Allem! Menschen, Tiere, Mülleimer, Gartenzwerge – was immer neu in seinen Sichtbereich kommt kann er nicht einordnen und reagiert mal mehr, mal weniger mit Panik und massivem Abwehrverhalten.

Angeborenes Verhalten lässt sich nicht weg trainieren. Aber man kann mit viel Verständnis und Geduld lernen, damit umzugehen und den Hund einladen über Vertrauen diesen Weg mitzugehen. Sich Stück für Stück den Dingen, die Finn als Bedrohung ansieht, zu nähern. Und jetzt, nach 6 Jahren, geht mit Finn vieles, (aber noch lange nicht alles), was mit meinen anderen Hunden einfach normal war.

Wandern mit Finn: eine Herausforderung

Einen solchen Hund unvorbereitet einfach überall hin mitzunehmen wäre für das Tier völlige Überforderung und für so manchen Mitmenschen auch schlicht gefährlich: Ich kann nicht ausschließen, dass Finn zubeißen würde, wenn jemand seine Drohungen ignoriert und ihm zu nah kommt.

Deshalb gilt als oberstes Gebot, wenn du mit deinem reaktiven Hund wandern möchtest: Maulkorb drauf! Einen gut passenden, hundefreundlichen, sicheren und gut antrainierten Maulkorb solltest du immer dabei haben, wenn dein Hund Probleme mit anderen Hunden oder Menschen hat. Und in öffentlichen Verkehrsmitteln ist er ohnehin Pflicht.

Mit Maulkorb können wir auch an unübersichtlichen Stellen und dort, wo vielleicht lärmende Kinder auf einem Sportplatz Spaß haben vorbeigehen, ohne dass ich Angst haben muss, Finn könnte doch mal Schaden anrichten. Der Maulkorb erlaubt uns auch, näher an eventuelle Trigger heranzugehen. Seit Finn den Maulkorb trägt haben wir große Fortschritte gemacht und die positiven Aspekte unserer Wanderungen überwiegen.

Klar, auch gut gesichert müssen wir gelegentlich ausweichen, je nachdem in welcher Stimmung eine entgegenkommende Wandergruppe ist (ich sag nur: Vatertag!) oder wenn ein anderer Rüde deutlich macht, dass er hier der Herr im Wald ist. Ich führe dann Finn soweit weg, bis ich merke, dass er die Situation aushalten kann.

Wird es irgendwann entspannter?

Es gibt auch diese Momente – entspannt nebeneinander einfach nur das Zusammensein und die Natur genießen

Ja! Es fängt an in den Momenten, wo nichts da draußen ist außer dir und deinem Hund. Dann kann dein vierbeiniger Partner entspannen, schnüffeln, ihr könnt ein paar Trickübungen machen. Was auch immer beliebt ist: gemeinsames Rennen. Allerdings kippt Finn dann auch manchmal in eine Flucht. Dann unterbreche ich natürlich.

Die perfekte gemeinsame Gangart ist aus Sicht des Hundes ein lockerer Trab. Aber auch Bummelstrecken mit viel Schnüffelspielraum sind wichtig. Und Pausen. Man glaubt gar nicht wie schwer es einem reaktiven Hund fällt, einfach mal eine Pause zu machen, während ich mich an der Aussicht erfreue.

Am Anfang – und eigentlich auch später – sollte die Anzahl der zurückgelegten Kilometer so gar keine Rolle spielen. Natürlich suche ich mir Strecken aus und denke, es wäre toll, wenn wir das schaffen. Wenn nicht, ist es aber auch nicht schlimm. Manchmal gehen wir auch einfach nur in unmittelbarer Nähe unseres Zuhauses kreuz und quer. Ziel ist immer das gemeinsame Erleben in Bewegung.

Mittlerweile überrascht mich mein Hund immer öfter, wenn er in Situationen ruhig bleibt, bei denen er noch vor einem Jahr total ausgerastet wäre. Und diese Momente häufen sich, entspanntes Wandern wie im Foto oben ist mittlerweile die Regel, anstrengende Situationen werden immer weniger.

Ich will aber auch nicht verheimlichen, dass es viel, viel Zeit braucht, Geduld, Rückschläge und ja: Der Maulkorb ist immer unser Begleiter und ich zögere nicht, ihn Finn anzuziehen wenn wir in unüberschaubare Bereiche kommen und natürlich sowieso an Orten, wo viele andere Menschen mit und ohne Hund die Natur genießen wollen.

Wenn du auch einen reaktiven Hund hast und dich nicht traust oder einfach auch nicht die Nerven hast, mit ihm einfach draufloszuwandern, kann ich das wirklich gut verstehen Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man keine Lust mehr hat mit dem eigenen Hund vor die Tür zu gehen.

Aber man kann etwas daran ändern! Gerne kannst du mir in den Kommentaren oder per Email schreiben (momSiegen@gmail.com) und dein Problem schildern, ich unterstütze dich gerne auf dem gemeinsamen Weg zu mehr Freude am Wandern mit deinem Hund.

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